Die chinesische Filmfresserin – Shen Hao TFC617-A

Shen Hao TFC617-A

Eine etwas längerer Beitrag über die Shen Hao TFC617-A, der ultimativen Panorama-Kamera für Rollfilm.

Schon seit einer ganzen Weile folge ich Nick Carver auf Youtube. Er ist nicht nur ein guter Landschafts- und Architekturfotograf, sondern auch ein richtig guter Workshop-Leiter. Sein Online-Workshop zur perfekten Belichtungsmessung hat mich ein gutes Stück nach vorn gebracht. Nun fotografiert Nick aber nicht mit irgendwelchen Kameras, sondern nutzt vorzugsweise das Format 6×17 oder 4×5-Großformat. In beiden Fällen setzt er auf Kameras der Firma Shen Hao, wovon ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Im 4×5-Format setze ich auf eine Intrepid aus England und bin von ihr nur mäßig begeistert. Darum soll es aber nicht gehen. Das 6×17 Panorama-Format ist, was es mit angetan hat.

Im Format 6×17 gibt es relativ wenige Angebote. Die meisten ausgewiesenen 6×17-Kameras sind mehr oder weniger nur Gehäuse vor die ein passender Konus mit Fokusschnecke und Objektiv geschraubt wird. Am unteren Ende der Preisliga, sieht man von den erhältlichen Pinhole-Kameras mal ab, stehen Kameras von MALEFIC, die im 3D-Druck hergestellt werden. Als nächstes kommen dann ähnlich ausgelegte Kameras aus China (Gaoersi) und Japan (Horseman) . Am oberen Ende des Preisspektrums liegen Fuji GX617 und noch etwas weiter darüber die Linhof Technorama. Alle diese Kameras eint ein großer Nachteil: keine Mattscheiben. Ja, ich weiß, man kann bei den Meisten vor dem Einlegen des Films eine Mattscheibe nutzen, aber eben nicht für jedes Foto und darum geht es mir. Bei den genannten 6×17-Kameras sind Objektive mit Brennweiten über 150mm ebenfalls selten bis nicht erhältlich. Für jedes Objektiv benötigt man zudem einen speziellen Objektivkonus mit Fokusschnecke. Das treibt den Preis zusätzlich in die Höhe. Außer vertikalem Shift, wenn überhaupt, bieten die Kameras zudem keine Verstellmöglichkeiten. Eine Alternative wäre ein 6×17-Filmrückteil für 4×5, was jedoch die Brennweiten auf 120mm begrenzt, oder ein Rückteil für eine 5×7-Kamera, was wiederum den Besitz einer Solchen voraus setzt. Ist also auch nicht die Lösung.

Das bringt die Shen Hao TFC617-A ins Spiel. Sie ist eine reinweg für das Format 6×17 ausgelegte Laufbodenkamera, die Einstellmöglichkeiten wie die gängigen Großformatkameras bietet: Shift von vorderer (horizontal und vertikal) und hinterer (vertikal) Standarte, Neigung und Verschwenkung beider Standarten. Dazu kommt ein maximaler Auszug von 310mm, was es erlaubt, auch ein 300mm-Objektiv zu nutzen. Wie es sich für eine Großformatkamera (die sie ja per Definition eigentlich nicht ist) gehört, sitzen bei ihr die Objektive auch auf einheitlichen Platinen; günstigerweise auf Linhof-Platinen, die ich ohnehin schon seit der Kardan Color nutze. Die Platinen unterscheiden sich nur durch die Größe der Bohrung für den Verschluss und sind schon ab 35€ zu haben.

Das Format 6×17 ist natürlich ein ganzes Stück breiter als das 4×5 Großformat, was die Nutzbarkeit von reinen 4×5-Objektiven zumindest einschränkt, oftmals aber auch ganz ausschließt. Idealerweise sollten die Objektive das Format 5×7 oder besser noch 8×10 ausleuchten. Da ich nun schon lange mit der Shen Hao geliebäugelt habe, habe ich meinen Objektiv-Fuhrpark bereits seit einer Weile sukzessive auf den größeren Bildkreis hin ausgelegt. Darauf sollte man unbedingt achten, sonst werden die Ecken und seitlichen Ränder dunkel oder gar ganz schwarz. Das gilt vor allem, wenn die vorhandenen Verstellmöglichkeiten der Kamera genutzt werden. Da kommt so manches Objektiv schnell an seine Grenzen. Längere Brennweiten sind in diesem Gesichtspunkt gar nicht das Problem und weit verbreitet, Weitwinkel unterhalb von 150mm Brennweite sind oft nur auf 4×5 ausgelegt oder aber ziemlich teuer. Da muss man ein wenig suchen, um gute und bezahlbare Objektive zu finden. Ich habe mich zum Beispiel für ein Rodenstock Grandagon 90mm f/4.5 MC entscheiden, da ich keine Geduld hatte, mir ein Fujinon SW oder Nikkor SW aus Japan zu beschaffen, die am Ende genauso viel gekostet hätten und auch nicht besser sind. Leider ist es fast unmöglich, auch den passenden Centerfilter irgendwo zu bekommen. Falls doch, muss man dafür seine Seele und mindestens noch eine Niere verkaufen.

Zurück zur Kamera. Sie ist schon ein ganz schöner Brocken, um einiges größer als meine Intrepid. Schön ist sie in meinen Augen auch, wie sie mit ihrem geölten Schwarznuss-Holz und den matten Aluminiumteilen daherkommt. Für sie habe ich doch gern mein 25er Milvus wieder verkauft. Einzig die Bedienungsanleitungen für Kamera und Filmback sind der Kamera nicht würdig und bestehen aus zusammengetackerten, schief kopierten Blättern. Der Inhalt ist auch eher dürftig. Hinweise zur Pflege sucht man vergebens und selbst die normalen Funktionen sind sehr schlecht beschrieben. Wer sich mit der Benutzung von Großformatkameras nicht auskennt, wird erstmal eine Weile probieren müssen, um sich mit dem Handling vertraut zu machen.

Die Bedienelemente sind alle mit griffigem Gummi bestückt. Lediglich die Entriegelung der horizontalen Verschwenkung von beiden Standarten ist über einen kleinen (vorn) und großen Hebel (hinten) realisiert. Während der hintere Hebel gut erreichbar ist und sich auch mit (dünnen) Handschuhen bedienen lässt, ist der vordere Hebel recht klein und etwas frickelig zu benutzen und lockert sich schon mal im Gebrauch. Die Nullstellungen sind entweder durch eine kleine Raste spürbar oder aber durch Markierungen erkennbar. Allgemein lässt alles sehr präzise einstellen und einmal arretiert, wackelt auch nichts mehr. Eine kleine Wasserwaage auf der hinteren Standarte hilft, die Kamera waagerecht auszurichten. Seit der Ondu weiß ich dieses kleine Hilfsmittel sehr zu schätzen, denn vor allem bei Panoramaformaten wirkt sich eine schiefe Kameraausrichtung merklich auf das spätere Foto aus.

Die Qualität der Fotos hängt zum Großteil nicht an der Kamera. Sie ist nur das Werkzeug, das es ermöglicht, bestimmte Dinge fotografisch umzusetzen. Die Schärfe und Bildqualität hängen jedoch maßgeblich vom verwendeten Objektiv und zuallererst vom Fotografen ab. Insofern wäre es Unsinn, zu sagen, die Kamera macht tolle Fotos. Sie hilft mir dabei, ja, aber garantieren kann sie es auch nicht. Der erste richtige Einsatz für die TFC617 war ein Fotoshooting mit Jessica in Fünfhausen. Ja, richtig, ich habe das Panoramaformat als erstes für Menschenfotos genutzt. Das ist zwar ungewöhnlich, aber aus meiner Sicht sehr spannend und eröffnet ganz neue Sichtweisen. Wer schon mal Menschen mit einer Großformatkamera abgelichtet hat, der weiß um die Herausforderungen, die sich damit ergeben. Schnelles Arbeiten ist mit ihr nicht möglich, aber mit einem verständnisvollen Model ist auch das kein Problem. Jessica ist da zum Glück die perfekte Partnerin von der Kamera. Mit Jessica und der Kamera zu arbeiten war eine Freude, trotz ein paar Einschränkungen, die die Kamera so mit sich bringt. Mehr zum Shooting mit Jessica in Fünfhausen werde ich in einem anderen Beitrag schreiben.

Mit um die drei Kilogramm Gewicht (inkl. Objektiv und Filmback) ist die TFC617 wahrlich kein Leichtgewicht und die Tatsache, dass sie sich nicht zusammenklappen lässt, macht sie auch nicht so richtig kompakt. Ich finde dennoch, dass Shen Hao hier ein stimmiges und sehr durchdachtes Gesamtkonzept abgeliefert hat. Ist sie den Preis von 3.200 € wert? Ganz klar, ja. Auch wenn ich deutlich weniger für mein Exemplar bezahlt habe, bin ich der Meinung, dass die TFC617 die perfekte 6×17 Kamera ist und dass auch der reguläre Preis gerechtfertigt ist. Eine Linhof Technorama kostet selbst gebraucht meist doppelt so viel und ist deutlich weniger funktional. Natürlich könnte man auch eine 5×7-Kamera nehmen und entweder ein Filmback kaufen oder den Planfilm im Nachhinein auf das Panoramaformat zurechtschneiden. Ersteres führt zu einer nochmals schwereren und größeren Ausrüstung, bei gleichen Anschaffungskosten; zweiteres ist auf Dauer deutlich teurer und nur mit Schwarzweiß-Film möglich, da derzeit weder Dia- noch Farbfilm im 5×7-Format hergestellt werden. Insofern ist die Shen Hao TFC617 die optimale Lösung.

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