Orwo NP20

Hasselblad 2000FCW, Orwo NP20

Durch Zufall bin ich an einnoch original in Cellophan eingeschweißtes Zehnerpack Orwo NP20 Rollfilme gekommen. Sein Verfallsdatum liegt schon fast 30 Jahre zurück; 1991 war es, um genau zu sein. Ich weiß auch nicht wieso, aber abgelaufene Filme üben mittlerweile einen gewissen Reiz auf mich aus, egal ob Schwarzweiß-, Farbnegativ- oder Diafilm. Die Unberechenbarkeit und die doch teilweise sehr interessanten Ergebnisse lassen mich immer wieder zu solchen vermeintlich verfallenen Filmen greifen.

Noch bevor ich die erste Rolle überhaupt belichtet habe, hatte mich schlau gemacht und bin auf einen Artikel vom Stilpiraten gestoßen. Er beschreibt darin seinen Kampf mit dem Papierträger des Rollfilms, aber gleichzeitig auch die guten Ergebnisse. Ich war also etwas skeptisch, ob denn der NP20 überhaupt noch nutzbar sein würde. Der Artikel vom Stilpiraten ist schließlich auch schon 9 Jahre alt und sein Film war seinerzeit „nur“ um die 20 Jahre überlagert. Meiner bringt es wie gesagt auf fast 30 Jahre.

Meine Neugier war dennoch groß, wenn auch eine gewisse Skepsis, und damit verbunden keine besondere Hoffnung auf gute Ergebnisse, mitschwang. Um auf Nummer sicher zu gehen habe ich den NP20 nicht in eine meiner alten Faltkameras gelegt, sondern mit meiner Hasselblad 2000FCW belichtet. Normalerweise wird gesagt, dass Schwarzweißfilme pro Jahrzehnt Überlagerung eine Blende an Empfindlichkeit verlieren. Folglich müsste der NP20 (DIN 20° = ISO 80) auf ISO 10 belichtet werden. Diese Daumenregel ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn erstens ist der NP20 nur mittelempfindlich, was den Effekt des Empfindlichkeitsverlust vermindert. Zweitens sind die Orwo-Filme bekannt dafür, extrem viel Silber in der Emulsion zu besitzen, mehr als vergleichbare Filme von Kodak, Ilford, Foma und Fuji. Ich habe mich also dafür entschieden, den NP20 auf ISO 25 und ISO 40 zu belichten.

Nach der Belichtung kommt die Entwicklung und hier greife ich für verlässliche Informationen bezüglich Entwicklungszeiten fast immer auf den Massive Dev Chart zurück. Glücklicherweise bietet die Seite auch Daten für eingestellte Filme zur Verfügung, so auch für den Orwo NP20. Für einen meiner Lieblingsentwickler, den Kodak HC-110, gibt es ein „Rezept“ für ISO 50. Nur, das galt für frischen Film, nicht für 30 Jahre alten. Folglich habe ich die Werte nach Bauchgefühl angepasst. (Der Nerd-Kram mit Details befindet sich am Ende des Artikels 😉 ) Ach ja, da war ja noch was. Das Problem mit dem verklebten Trägerpapier beim Stilpiraten. Nun, ich habe mittlerweile 7 Rollen Orwo (3x NP20 und 4x NP27) auf Entwicklungspulen gefummelt und ich hatte keinerlei Probleme. Das Papier löst sich ganz normal und es ist kein Verkleben spürbar. Die Angst diesbezüglich war also vollkommen unbegründet. Meine Vermutung ist, dass die Filme vom Stilpiraten mal feucht geworden sind und deswegen verklebt waren. Von bereits ausgepackten Rollen würde ich daher unbedingt die Finger lassen. Ganz zu schweigen von bereits belichteten (exponierten) Exemplaren.

Soviel zu den eher technischen Aspekten, nun aber zum Film an sich. Mit einem Wort: genial! Es scheint, als ob ich bei der Belichtung und Entwicklung den richtigen Riecher hatte. Beim ersten Betrachten der noch nassen Negative war ich schon begeistert, denn was ich sah war viel besser als gedacht, weder unterbelichtet noch über- oder unterentwickelt, dafür kontrast- und detailreich. Beim Scan bestätigte sich der erste Eindruck. Die Fotos mit dem NP20 sind feinkörnig, scharf und zeigen eine sehr schöne Wiedergabe in den Mitteltönen und Schattenzeichnung. Die Lichter fressen zudem nicht einfach aus, sondern laufen sanft zu. Auch von Schleier ist keine Spur zu sehen. Ich bin insgesamt sehr sehr angetan von den Ergebnissen. ISO 25 passt perfekt, ISO 40 ist deutlich schlechter.

Durch seine reduzierte Empfindlichkeit ist der NP20 eigentlich nicht mehr so richtig für Portraits geeignet, ich werde es dennoch mal probieren. Ansonsten macht er sich in der Natur wunderbar und auch bei Architekturaufnahmen ist seine Charakteristik willkommen. Welch ein Jammer, dass es Orwo nicht mehr gibt. Der einzige Film, der in etwa vergleichbar ist, ist der Adox Silvermax, den es jedoch leider nur im Kleinbildformat gibt.

Ich habe bei einem größeren Konvolut an Orwo-Filmen auch wieder NP20 dabei gehabt, die jedoch scheinbar über die Jahre keine sachgerechte Lagerung erfahren haben. Die Emulsion war schon total fleckig und der Film ist daher für perfekte Fotos nicht mehr geeignet, für künstlerische Fotos aber dennoch nutzbar.

Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht bei weiteren Angeboten für den Film nochmal zugeschlagen hätte. Nun sitze ich auf einem etwas größeren Vorrat an NP20 und anderen Orwo Schwarzweißfilmen, mit dem ich eine Weile hinkommen müsste. Die anderen Orwos sind der NP27 und der NP15, für die ich jeweils einen eigenen Beitrag verfassen werde.


Nerd-Kram:
Ich habe den NP20 in Kodak HC-110 mit der Standard-Verdünnung B (1+31) für 17 Minuten mit meinem eigenen Kipprhythmus bei 20°C entwickelt: 30s Dauerkipp am Anfang, dann 2x pro Minute bis Minute 12, dann noch 1 Kipp bei Minute 14, Abgießen bei Minute 17. Anschließend: 2 Minuten Zwischenwässern, 7 Minuten fixieren, 7 Minuten Endwässerung, 2 Minuten in Photo-Flo, fertig.
Der Kodak HC-110 besitzt einen eingebauten Restrainer, der den Grundschleier vermindert. Das führt sicherlich, neben der ohnehin exzellenten Qualität des NP20, zu den sehr guten Ergebnissen.

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